Schule neu denken?
Diese Forderung hören wir bereits seit Jahrzehnten immer wieder, sobald eine Negativ-Meldung über unser Schulsystem publik wird.
In der Tat: Es wurde bereits viel "neu gedacht", geändert, reformiert.
Was wurde durch "neu denken" besser? (Der Leser bemerkt, wie den Autor bereits die Wahl der Begrifflichkeiten "Wir müssen Schule neu denken!" in ihrer so grammatisch bedenklichen Form stört.)
Vor allem wurde wenig nachgedacht über all das, was gut war an dem, was bereits lange zuvor an Schule neu gedacht worden war. Überhaupt scheint das Nachdenken als solches bei vielen Neu-Denkern ins Abseits geraten zu sein.
Man erinnere sich an die TV-Talk-Shows, stereotyp über Jahrzehnte: Auf dem Sofa sitzen Leute. Im Studio wie im Wohnzimmer. Diejenigen im Studio sagen denjenigen im Wohnzimmer, dass ihre Schulbildung, meistens der Hauptschulabschluss, nichts wert ist und nur in der höheren Bildung, also dem Studium nach dem Abitur eines Menschen Wertigkeit beginnt.
Selbst Schwanitz (Bildung) stellt klar: Intellektuelle üben sich im "So-tun-als-ob-gebildet-sein", lenken das Gespräch auf Themen, in welchen sie sich auskennen.
Doch "Die etwas andere Bildung" oder auch "Ich schraube, also bin ich" verhallen, weil wenig opportun.
Zurück zum roten Faden "neu denken":
Inzwischen fällt uns auf die Füße, was nicht anders kommen konnte: An die Stelle des Übens, Lernens, Wiederholens ist das Erklären getreten. Wo dann die Leistung nicht reicht, hat man die Arbeit erleichtert.
Konnte jemals in der Geschichte der Menschheit eine Fertigkeit erlernt werden, indem der Meister sie seinem Lehrling lediglich erklärt hat? Selbst das Abstrakte muss angebahnt, eingeübt sein.
Es fehlen also viele Facharbeiter, weil viel zu viele Abiturienten mit mittelmäßigem bis schwachem Notenspiegel sich erst einmal von den Strapazen des Gymnasiums in Travel+fiewWork erholen müssen, danach zwei Studiengänge abbrechen, bevor sie merken, dass sie genau dieser für sie überaus frustrierende und steinige Weg krank gemacht hat.
Man könnte vielleicht in Wien noch Politologie studieren oder Soziologie? Dort gibt es keinen Numerus Clausus! Hurra!
Jedenfalls wird dieser Mensch nur ungern noch eine Kelle mit Gips in die Hand nehmen wollen.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!
Womit wir angekommen sind im Jetzt: Wer soll den Boomern die Rente bezahlen?
Tipp für Großväter und Großmütter:
Schenke Deinem Enkelkind einen Werkzeugkasten!
Zeige ihm, wie man schneidet, schnitzt, feilt, schraubt, lötet, hämmert, bohrt, dreht, schmirgelt, sägt, leimt, wässert, klebt.
Lass es all das häufig üben und hilf ihm, es selbst zu tun mit Deinem Vorbild.
Gehe mit ihm oft in den Wald, sammle alles Brauchbare und bastle zu Hause mit dem Enkelkind.
Tipp für Großmütter und Großväter:
Schenke Deinem Enkelkind ein Nähkästchen!
Plaudere daraus! Fange zuerst an zu zupfeln: Schneide alte Klamotten in quadratische Stücke und lass das Kind die Fäden rauszupfeln. Nähe erst ein eigenes Nähkissen für die Nadeln, stopfe es mit dem Gezupfelten aus!
Schenke dem Enkelkind altersgemäße Bilderbücher und Bücher, lies diese oft vor, erzähle Geschichten, auch wahre aus Deinem Leben.
Behandelt die Kinder wie Kinder! Sie sind keine Erwachsenen! Sie sind Kinder und dürfen Kinder sein.
Vor allem aber: Übt Lesen!
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!
Lesen wird noch viel mehr als bislang zur Kernkompetenz, insbesondere auch, um künftig noch mithalten zu können beim Fortschritt der künstlichen Intelligenz.
Schließlich: Funktionaler Analphabetismus. Bereits bei fast 20% angelangt.
Was Hänschen nicht gut genug gelernt hat, vergisst Hans immer mehr!
Anstatt in Deutschland ständig Schule neu denken zu wollen, sollten wir das was sich über viele, viele Jahrzehnte überall auf der ganzen Welt an Schulen bewährt hat, bewahren. Was uns Lern- und Entwicklungspsychologen beigetragen haben zur Fachdidaktik und -Methodik, was uns die Soziologie gelehrt hat, darf nicht aufgegeben werden. Man bedenke die Schnellbleiche von Quereinsteigern.
Besser als Andere sein zu wollen, ist in der Schule auch nicht erstrebenswert. Insofern halte ich Ländervergleichstests für wenig sinnvoll. "... immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als du." (aus dem Desiderata, St. Pauls-Kirche, Baltimore, 1692)
Bernhard Klein, im Dez. 2025